• "Peter Truschner gehört zu jener aussterbenden Künstlerspezies, die stets aufs Ganze gehen muss." ***** FAZ

  • "Eines Tages war das Leben auf meinen Großvater herab gefallen wie ein Tropfen Harz auf eine Fliege." ***** aus: Schlangenkind

  • "Der Schauende und der Schauplatz, Inneres und Äußeres gehen eine räumliche Verschränkung ein. Was man betrachtet, bleibt nicht außen vor, sondern dringt in einen ein, vermischt sich dort mit Vorgefundenem." ***** Peter Truschner

  • "Ist das immer schon so gewesen, dass man eines Tages hinter seinem warmen Ofen hervorgeholt und an den Haaren ans Ufer gezerrt und in die kalten Betriebsfluten getaucht und getauft wurde im Namen des Geschäfts?" ***** aus: Im Namen des Geschäfts

  • "Peter Truschner ist nicht nur ein wacher und sensibler Beobachter, sondern ein Erlebender des Wahnsinns, der um uns herum geschieht." ***** Martin Kusej

  • "Let's get out of here! Yet, what is the purpose of dreaming of distance, of being far away, if I am already farther away and detached by my true self? No country, no shore can ever be as far away as I am." ***** aus: Bangkok Struggle

  • "So lange der flaumige, weiße Film, der auf der Welt lag, nicht gefror, konnte selbst ein Vogel seine Hieroglyphe im Buch eines verschneiten Wintertags hinterlassen." ***** aus: Die Träumer

  • "Peter Truschner schont in seinen Texten über eine Welt, in der es um den Preis und nicht um den Wert einer Ware, der Arbeit oder des Lebens geht, weder sich noch den Leser." ***** Stefan Gmünder

Copyright 2018 - Peter Truschner - All rights reserved // „Peter Truschner gehört zu jener aussterbenden Künstlerspezies, die stets aufs Ganze gehen muss.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung

Theater / Stücke

 

Aus: Im Namen des Geschäfts

Kohlenmonoxid, Russpartikel, das Grab des Verkehrs.
Eigenbewegung, durchkreuzt von Gehupe, Reklame, dem Stakkato
der S-Bahn. Gedankenleerer Blitz der Schienen. All das sehe,
rieche, schmecke ich bereits im Treppenhaus der Geschichte. Kurz darauf
der Hinterhof: Fahrradkettenrost, Biomüll, Leichen im
Keller des Gewissens. In der Einbildung ist aller Anfang auch ein Ende, die
x-te Wiederholung der immergleichen Belangsendung, „ich“ genannt. Ich
warte darauf, dass der Tag sich mir offenbart, mir wieder einmal
etwas anderes anbietet als die bloße biologische Reproduktion. Etwas tun,
anstatt sich die Stunden zu verbauen mit Einkauf, Haushalt, Internet.
Das Wochenende ist Treibholz im Strom des Verkaufs. Gibt es ein
bescheideneres Maß für Persönlichkeit und Charakter als beim Anblick
der Waren? Angenehme Vorstellung, sich in dieser Situation in ein
Ding zu verwandeln, willenlos, unfähig zu widerstehen.
Das wär's!
Eine Lücke hat sich aufgetan im Raum/Zeit/Kontinuum, der
Zwang zur Pflicht gilt nur im Paralleluniversum. Selbstdisziplin und
Kritikfähigkeit gleichen Kinderspielen wie Sackhüpfen oder
Fangen spielen (moralisch betrachtet). Nicht dauerhaft, natürlich! Wer
will schon sein Recht aufs Spiel setzen, ernst genommen zu werden? Seine
Kompetenz? Außerdem: Die Vorposten der Gesellschaft, die das
Selbstbewusstsein diskret justieren, drängen zum Turmbau, zur
Konkurrenz der Karrieren, Lebensformen, Todesarten. Ich würde so gern
im Obstgarten meiner Großeltern schlummern, im Schoß der
Vergangenheit, ein verschwindendes Kind, dem Äpfel und Birnen
ein letztes Lied singen. Vor mir
zerknüllt, zertreten, zerflossen: die Strasse. Hitze wie Butter auf den
Asphalt geschmiert. Sommersauna. Die Freizeit (mächtig wie ein Talisman)
erschöpft sich in Routine: einkaufen, ein Pils im Biergarten, Sportschau.
Wie gern würde ich von einer Brücke springen, fortgeschwemmt
werden und im Wasser an Häusern, Wünschen und
Erwartungen vorüberziehen! Der Fluss hat viele Arme, manch einer
gesund, manch einer ein nasser Stumpf, der zu stinken begonnen hat.
Was soll’s. Ich will sowieso nicht ans Meer, ich will mehr
Wurst, mehr Kaffee, mehr Bier, mehr Schuhe, mehr Elektronikzeug. Ein
Samstagnachmittagjunkie auf der Suche nach dem nächsten Einkaufszentrum.
Dazwischen die unvermeidliche Fußgängerzone, dieser Akt
kommunaler Resignation vor der menschlichen Schwäche. Fuffzigcent-Typen
mit Schrott im Mund, Minirockmädchen, die irgendwann doch
von ihrem Laufsteg runterfallen (oder -gezerrt werden), sowie glatt rasierte
Lebensabend-Besitzer, die sich zwanghaft unters
Marktgeschehen mischen. Stimmgeröll, Erdbeerflecken. Bananenlicht
streift mich. Ich sende nicht, ich empfange nur. Der künftige
Genuss löchert meinen Verstand wie ein tropfender Wasserhahn.
Die Wirklichkeit: schmerzliches Ungenügen. Nektarinen
wie wattierte Steine und Weintrauben, die diskret den Gaumen
ätzen. Die industrielle Landwirtschaft hinterlässt einen
fahlen Geschmack im Mund und schlägt entschieden stärker
aufs Gemüt als eine marokkanische Losnummer, die auf einer
spanischen Plantage kraft- und rechtlos zusammenbricht. Es lebe das
Gebot des Augenblicks, der die Zukunft ist!
Wirklich erstaunlich, wie jeder Tag durchdrungen ist vom
Begehren, etwas zu erwerben. Besitz! Nicht wahr? Ist das
immer schon so gewesen, dass man irgendwann hinter seinem
warmen Ofen hervorgeholt und an den Haaren zum Ufer
gezerrt und mit dem Kopf in die kalten Betriebsfluten
getaucht und gnadenlos getauft wurde im Namen des Geschäfts?

 

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