• "Peter Truschner gehört zu jener aussterbenden Künstlerspezies, die stets aufs Ganze gehen muss." ***** FAZ

  • "Eines Tages war das Leben auf meinen Großvater herab gefallen wie ein Tropfen Harz auf eine Fliege." ***** aus: Schlangenkind

  • "Der Schauende und der Schauplatz, Inneres und Äußeres gehen eine räumliche Verschränkung ein. Was man betrachtet, bleibt nicht außen vor, sondern dringt in einen ein, vermischt sich dort mit Vorgefundenem." ***** Peter Truschner

  • "Ist das immer schon so gewesen, dass man eines Tages hinter seinem warmen Ofen hervorgeholt und an den Haaren ans Ufer gezerrt und in die kalten Betriebsfluten getaucht und getauft wurde im Namen des Geschäfts?" ***** aus: Im Namen des Geschäfts

  • "Peter Truschner ist nicht nur ein wacher und sensibler Beobachter, sondern ein Erlebender des Wahnsinns, der um uns herum geschieht." ***** Martin Kusej

  • "Let's get out of here! Yet, what is the purpose of dreaming of distance, of being far away, if I am already farther away and detached by my true self? No country, no shore can ever be as far away as I am." ***** aus: Bangkok Struggle

  • "So lange der flaumige, weiße Film, der auf der Welt lag, nicht gefror, konnte selbst ein Vogel seine Hieroglyphe im Buch eines verschneiten Wintertags hinterlassen." ***** aus: Die Träumer

  • "Peter Truschner schont in seinen Texten über eine Welt, in der es um den Preis und nicht um den Wert einer Ware, der Arbeit oder des Lebens geht, weder sich noch den Leser." ***** Stefan Gmünder

Copyright 2018 - Peter Truschner - All rights reserved // „Peter Truschner gehört zu jener aussterbenden Künstlerspezies, die stets aufs Ganze gehen muss.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung

Theater / Stücke

 

Die Kampfgesellschaft

8. SZENE

Bea geht ins Bad. Sie rafft den Rock hoch, zieht sich den Slip runter und setzt sich auf die Kloschüssel. Unmittelbar danach kommt Michael ins Bad. Er geht zum Waschbecken und merkt dabei nicht, dass Bea anwesend ist. Er spritzt sich reichlich Wasser ins Gesicht. Er erblickt Bea im Spiegel und hört gleichzeitig, wie sie pinkelt. Er bleibt jedoch, wo er ist und trocknet sich da Gesicht ab.

BEA

Wow!

MICHAEL
Was wow?

BEA
Na, hören Sie mal! Dass Sie einer ihnen im Grunde fremden Frau beim Pinkeln zusehen, vielleicht? Als wäre es das Normalste auf der Welt.

MICHAEL

Erstens: Vielleicht ist es das ja für mich. Zweitens: Die Toilette ist nebenan. Das hier ist das Badezimmer.

BEA
Ach so. Ich verstehe. Wenn Sie also unsere Gastgeber dabei überraschen, wie sie es in der Küche treiben, dann schmieren Sie sich trotzdem in Ruhe ihr Brot – weil, das Schlafzimmer ist ja woanders.
Beide lachen.

MICHAEL

Vielleicht habe ich ja gespürt, dass meine Anwesenheit sie nicht stört.

BEA
Ach Gott! Nicht schon wieder ein Mann, der mich kennen lernt und nach ein paar Stunden meint, er wisse genau, was in mir vorgeht.

MICHAEL
Ich glaube, wenn ich Sie stören würde, würden Sie sich nicht mit mir unterhalten, sondern mich rausschmeißen. Oder laut schreien.
Kurze Pause.

BEA
Sie haben Recht. Es stört mich nicht besonders. Seltsamerweise. Obwohl man beim Pinkeln an sich schon gern ungestört wär’. Bea wird für einen Moment ernst. Man muss sich ohnehin immer so zusammenreißen, sich alles Mögliche verkneifen, kurze Pause da will man wenigstens am Klo in Ruhe pupsen.
Beide lachen.

MICHAEL
Alles klar.
Michael macht sich ans Gehen.

BEA
Einen Moment noch. Was mich interessiert…

MICHAEL
Ja?
Bea wischt sich ab, betätigt die Spülung, zieht den Slip hoch, rafft den Rock herunter und kommt auf Michael zu, sodass sie plötzlich dicht vor ihm steht.

BEA
Was würde Ihre Frau jetzt dazu sagen?

MICHAEL
Wieso?

BEA
Nur so.
Stille.

MICHAEL
Ich weiß es nicht.

BEA
So was weiß man doch, oder?

MICHAEL

Naja. Kurze Pause. Meistens schon.

BEA
Verstehe.
Pause. Ehe sich Beklommenheit breit machen kann, ergreift Bea das Wort.

BEA
Du machst nicht viele Worte. Ist mir schon in der Firma aufgefallen.

MICHAEL
Kommt darauf an.

BEA
Worauf?

MICHAEL

Auf die Situation. Mein Gegenüber.

BEA
Alles klar.

MICHAEL
Tatsächlich?

BEA
Ob du es ernst nehmen musst, dein Umfeld. Kurze Pause. Ob es sich lohnt, zu investieren.
Michael schweigt.

BEA
Dafür hörst Du ganz genau zu.

MICHAEL
Ist Dir das auch schon in der Firma aufgefallen?

BEA schüttelt den Kopf
Gerade vorhin. Wie Du gezuckt hast, als Kai Deine Frau Doro genannt hat.
Michael schweigt.

BEA
So ein Funkeln in den Augen. Fast nicht zu sehen.

MICHAEL

Du hast’s gesehen.

BEA
Ich bin auch eine gute Beobachterin.

MICHAEL
Offensichtlich.

BEA
War ich schon immer. Schon als Kind. Andere haben sich ein Puppenhaus gewünscht, ich ein Mikroskop. Kurze Pause. Bei so einer Veranstaltung wie heute hab’ ich natürlich leichtes Spiel.

MICHAEL
Inwiefern?

BEA
Weil man mich nicht für voll nimmt. Da werden die Leute dann gedankenlos und lassen sich gehen, weil sie denken, ich bin eh zu jung oder zu blöd, um von Belang zu sein.
Pause

MICHAEL schüttelt den Kopf
Hm.

BEA
Was?

MICHAEL
Dein Auftreten. Du bestärkst die Leute ja in ihrem Glauben. Kurze Pause. Warum?

BEA
Es ist ja nicht so, dass ich mich verstelle. Kurze Pause. Vielleicht ist mir einfach nur langweilig.

MICHAEL
Langweilig? Kurze Pause. Langweilig? Du bist erst kurz dabei und wirst schon ins Allerheiligste vorgelassen.

BEA
Ich bin doch nur Dekoration.

MICHAEL
Das kann sich ja noch ändern. Auf jeden Fall waren noch nicht viele so weit in Deiner Position.

BEA
Mein Arsch war vielleicht so weit. Oder meine Titten. Kurze Pause. Nicht ich.

MICHAEL
Besser dein Arsch, als gar kein Teil von dir. Kurze Pause. Aber wenn Dich das langweilt, bist du hier sowieso falsch.

BEA
Ich weiß.

MICHAEL
Versteh’ ich nicht. Deine Referenzen. Die Einzelgespräche. Du warst top. Kurze Pause. Hab’ ich mir sagen lassen.

BEA
Vielleicht wollte ich mir etwas beweisen. Ich weiß nicht. Kurze Pause. Eigentlich müsste ich gar nicht arbeiten.

MICHAEL
Wie das?

BEA
Ich hab’ eine Wohnung geerbt. In Genf. Mit Blick über den See. Ich kann jetzt keine Riesesprünge machen, aber die Miete reicht locker zum leben

MICHAEL
Gratuliere. Kurze Pause. Aber so ganz ohne Arbeit. Ohne Herausforderung. Kurze Pause. Das ist doch kein Leben.
Kurze Pause.

BEA
Bevor ich Abitur gemacht hab’, bin ich ein Jahr lang in der Weltgeschichte herumgetrampt. Ich meine: so richtig. Nix mit Kohle von zu Hause. Ich hab’ schauen müssen, wo ich bleib. Hab’ das auch so gewollt. Kurze Pause. Ich hab’ alles Mögliche gemacht. Ich war Kellnerin. Reisebegleiterin. In Sydney hab ich Statistiken ausgewertet, für Johnson und Johnson.

MICHAEL
Den Kosmetikkonzern?
Bea nickt.

MICHAEL
Für ein Jahr geht das. Urlaubsmäßig. Aber auf Dauer würde Dich das krank machen. Kellnerin. Diese permanente Unterforderung. Dieses Brachliegen Deiner Möglichkeiten. Noch dazu, wo’s nicht sein muss. Wo Du die Wahl hast.
Bea nickt.

BEA
Wahrscheinlich. Kurze Pause. Aber irgendwie hat sich’s gut angefühlt. Besser als so manches. Kurze Pause. Seltsam. Kurze Pause. Ich meine, vor so einem Leben rennt man ja sonst immer davon. Man gibt ja alles, um es besser zu haben.

MICHAEL
Mit Recht. Kellnerin. Reisebegleiterin. Das ist doch kein Beruf. Das kann doch jeder Trottel. Und soviel ist mal sicher: Mit Dir Michael geht auf sie zu mit Dir Michael kommt vor ihr zu stehen hat das Leben anderes vor. Sie sehen sich in die Augen.

 

 zurück