• "Peter Truschner gehört zu jener aussterbenden Künstlerspezies, die stets aufs Ganze gehen muss." ***** FAZ

  • "Eines Tages war das Leben auf meinen Großvater herab gefallen wie ein Tropfen Harz auf eine Fliege." ***** aus: Schlangenkind

  • "Der Schauende und der Schauplatz, Inneres und Äußeres gehen eine räumliche Verschränkung ein. Was man betrachtet, bleibt nicht außen vor, sondern dringt in einen ein, vermischt sich dort mit Vorgefundenem." ***** Peter Truschner

  • "Ist das immer schon so gewesen, dass man eines Tages hinter seinem warmen Ofen hervorgeholt und an den Haaren ans Ufer gezerrt und in die kalten Betriebsfluten getaucht und getauft wurde im Namen des Geschäfts?" ***** aus: Im Namen des Geschäfts

  • "Peter Truschner ist nicht nur ein wacher und sensibler Beobachter, sondern ein Erlebender des Wahnsinns, der um uns herum geschieht." ***** Martin Kusej

  • "Let's get out of here! Yet, what is the purpose of dreaming of distance, of being far away, if I am already farther away and detached by my true self? No country, no shore can ever be as far away as I am." ***** aus: Bangkok Struggle

  • "So lange der flaumige, weiße Film, der auf der Welt lag, nicht gefror, konnte selbst ein Vogel seine Hieroglyphe im Buch eines verschneiten Wintertags hinterlassen." ***** aus: Die Träumer

  • "Peter Truschner schont in seinen Texten über eine Welt, in der es um den Preis und nicht um den Wert einer Ware, der Arbeit oder des Lebens geht, weder sich noch den Leser." ***** Stefan Gmünder

Copyright 2018 - Peter Truschner - All rights reserved // „Peter Truschner gehört zu jener aussterbenden Künstlerspezies, die stets aufs Ganze gehen muss.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung

Theater / Stücke

 

Im Tunnel

2. SZENE


Lilly und Ben. Wut. Ratlosigkeit.
LILLY
         Das war’s dann.
BEN tonlos
         Hör auf.
LILLY
         Ich hab’s gleich gewusst.
BEN wütend
         Hör auf!
Pause. Er schüttelt leicht den Kopf.
         Seit Wochen war die Rede davon, dass sie wieder einen Angriff fliegen.
         Jetzt ist es passiert.
LILLY
         Woher willst Du wissen, dass das ein Angriff war?
BEN erstaunt
         Hast Du das nicht gehört? Das Surren der Rakete?
LILLY
         Was für ein Surren?
BEN
         Bevor’s gekracht hat?
Lilly schüttelt den Kopf.
BEN ohne Wehleidigkeit
         Mit dem Geräusch bin ich aufgewachsen.
Pause.
LILLY beharrend  
         Du hast uns in diesen Tunnel hier geführt.
         Scheiße!
         Warum bin ich Dir nur gefolgt? Warum hab’ ich nicht auf mein Gefühl gehört?
BEN
         Vielleicht ist der andere ja eingestürzt? Und wir wären jetzt tot?
LILLY übergeht seinen Einwurf  
         Man macht dieselben Fehler immer wieder. So lange, bis es irgendwann zu spät ist.
BEN
         Wie alt bist Du? 22, 23? Für dich ist noch gar nichts zu spät.
LILLY
         Es gibt kein zurück mehr.
BEN matt, ohne rechte Begeisterung
         Bleibt die Flucht nach vorn.
LILLY ohne Pathos
         In die Dunkelheit.
BEN versucht zu rationalisieren
         Wir wissen doch gar nicht, wohin der Tunnel hin führt. Was wir wissen: Er ist dunkel, und er ist eng.
          Der Rest spielt sich in Deinem Kopf ab.
LILLY
         Ach ja? Ist er etwa nicht eingestürzt? Sitzen wir hier nicht fest wie die Kanalratten?
Pause.Sie wirft eine Handvoll Erde auf ihn.
         Und das?
         Spielt sich das auch in meinem Kopf ab?
BEN ist aufgebracht, zwingt sich jedoch zum Ruhigbleiben
         Kanalratten finden immer einen Weg.
         Außerdem: In meinem Leben gab’s schon manche.
Kurze Pause.
         Finstere Episode.
         Das Loch da macht mir keine Angst.
LILLY ironisch
         Gelobt sei das Unglück, das hart macht.
BEN emotional
         Besser als das, das sich in deine Hoffnung frisst wie ein Haufen Würmer.
LILLY sie beugt sich zu ihm hin, ihre Gesichter relativ nahe, schmettert ihn ab
         Kennen wir uns? Wenn ja, weiß ich nichts davon. Ich kenne Dich nämlich nicht.
         Wir sind zufällig am selben Tag zur selben Zeit losgegangen, weil der Tunnelbesitzer das so arrangiert
         hat. Damit uns nicht langweilig wird. Was weiß ich. Ich wollte das nicht. Ich wollte keine Begleitung.
BEN
         Hätte ich doch. Wäre ich doch. Bringt uns jetzt auch nicht weiter.
Pause.
         Ich weiß nicht, wo Du Deinen Pessimismus her hast. Ich weiß nur: Wir können ihn uns nicht leisten.
         Wenn wir auch noch gegen uns selber kämpfen müssen, dann ist das zuviel.
Pause.
BEN sucht Blickkontakt
         Nein?
Pause.
         Es ist nun mal wie es ist. Wir müssen uns damit abfinden und versuchen, einen Weg hinaus zu finden.
         Wir müssen ganz fest daran glauben. Verstehst Du?
LILLY
         Ich hab mich noch nie leicht mit was abfinden können.
BEN
         Gut. Dann stemm’ Dich gegen Dein Schicksal.
LILLY
         Im Glauben bin ich auch nicht so stark.
BEN
         Dann glaub einfach nicht daran, dass das hier Dein Ende ist.
LILLY
         Was bist Du von Beruf? Animateur?
Lilly und Ben lachen verhalten.
BEN
         Wenn Du könntest: Würdest Du umkehren?
LILLY
         Ich könnte ja. Wäre wahrscheinlich das Beste.
         Stattdessen schau’ ich mir dabei zu, wie ich einen Schritt vor den anderen mach’.
         Bis irgendwas passiert.
BEN
         Klingt so, als wärst Du gar nicht daran beteiligt.
LILLY
         Reine Feigheit.
         Ich will für die Konsequenzen meines Handelns nicht gerade stehen müssen.
BEN
         Haben wir wieder was gemeinsam.
LILLY
         Wieso?
BEN sagt etwas, bei dem man nicht weiß, ob es Spaß ist oder Ernst
         Bei mir ist schon was passiert.
Pause.
LILLY
         Schlimm?
Kurze Pause.
BEN
         Schon.
Pause.
LILLY
         Magst Du darüber reden?
BEN
         Nein.
Kurze Pause.
LILLY
         Muss ich mich jetzt vor Dir fürchten?
BEN
         Ich glaub’ nicht.
LILLY
         Sagte der Wolf zu Rotkäppchen.
BEN lacht trocken
         Ich ein Wolf?
         Im Augenblick fühl ich mich eher wie die Großmutter.
LILLY
         Da!
         Hörst Du das?
BEN lauscht
         Ich hör’ nichts.
LILLY
         Doch. Da ist jemand. Man sucht uns.
BEN lauscht, hält dann inne
         Da ist niemand. Niemand sucht uns.
LILLY
         Vielleicht ist da ja noch ein Tunnel.
Lilly beginnt, mit den Händen gegen die Wände zu trommeln.
LILLY
         Hier sind wir!
Als sie sich in einen Rausch aus Trommeln und Rufen hineinzusteigern droht, hält Ben sie fest, umklammert sie.
BEN
         Ist gut, Lilly!
LILLY
         Lass mich!
Lilly wehrt sich, Ben hält sie weiter fest, hält ihr schließlich den Mund zu.
BEN
         Ist gut! Ganz ruhig.
Lillys Widerstand wird geringer.
BEN legt den Mund an ihr Ohr  
         Hör mir zu! Hey! Hier sind nur wir. Nur wir. Aber wir schaffen das. Ja? Wir schaffen das. Okay?
Lilly reißt sich los. Sie geht fast auf Ben los, besinnt sich jedoch.
LILLY deutlich ruhiger und mehr zu sich selbst als zu Ben
         Okay.

 

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