• "Peter Truschner gehört zu jener aussterbenden Künstlerspezies, die stets aufs Ganze gehen muss." ***** FAZ

  • "Eines Tages war das Leben auf meinen Großvater herab gefallen wie ein Tropfen Harz auf eine Fliege." ***** aus: Schlangenkind

  • "Der Schauende und der Schauplatz, Inneres und Äußeres gehen eine räumliche Verschränkung ein. Was man betrachtet, bleibt nicht außen vor, sondern dringt in einen ein, vermischt sich dort mit Vorgefundenem." ***** Peter Truschner

  • "Ist das immer schon so gewesen, dass man eines Tages hinter seinem warmen Ofen hervorgeholt und an den Haaren ans Ufer gezerrt und in die kalten Betriebsfluten getaucht und getauft wurde im Namen des Geschäfts?" ***** aus: Im Namen des Geschäfts

  • "Peter Truschner ist nicht nur ein wacher und sensibler Beobachter, sondern ein Erlebender des Wahnsinns, der um uns herum geschieht." ***** Martin Kusej

  • "Let's get out of here! Yet, what is the purpose of dreaming of distance, of being far away, if I am already farther away and detached by my true self? No country, no shore can ever be as far away as I am." ***** aus: Bangkok Struggle

  • "So lange der flaumige, weiße Film, der auf der Welt lag, nicht gefror, konnte selbst ein Vogel seine Hieroglyphe im Buch eines verschneiten Wintertags hinterlassen." ***** aus: Die Träumer

  • "Peter Truschner schont in seinen Texten über eine Welt, in der es um den Preis und nicht um den Wert einer Ware, der Arbeit oder des Lebens geht, weder sich noch den Leser." ***** Stefan Gmünder

Copyright 2019 - Peter Truschner - All rights reserved // „Peter Truschner gehört zu jener aussterbenden Künstlerspezies, die stets aufs Ganze gehen muss.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung

Essays

 

Mahlers üppiger Abschied

Es gibt Abschiede die sich in die Länge ziehen und dabei einem Paket ähneln, das eine kleine Odyssee hinter sich hat. Vor Jahren aufgegeben und unterwegs verloren gegangen, erreicht es schließlich doch seinen Empfänger. Andere Abschiede vollziehen sich dagegen mit einer Unterschrift oder einem Händedruck. Die Aura des Geschäfts umgibt sie: Ein Strich wird unter eine Rechnung gesetzt, ein Produkt hat den Besitzer gewechselt. Der üppige Abschied hat eine wehmütige Note und vollzieht sich als Fest, als reales geradeso wie als imaginäres. Man geht den Weg zurück, besucht noch einmal die Stätten der Kindheit, ruft Freunde an, die man aus den Augen verloren hat, blättert in Fotoalben und gibt sich Erinnerungen hin. Wo der üppige Abschied gleichsam den Roman eines Lebens erzählt und auf ein würdiges Ende für das aktuelle Fragment hinarbeitet, stellt der karge Abschied lediglich eine Diagnose und beschreibt da eine Wirkung, wo der üppige Abschied Ursachenforschung betreibt und dabei auch Spekulationen nicht scheut.
Der karge Abschied wird nicht selten von einem Geräusch begleitet: eine Tür, die zugeschlagen wird, ein Auto, das davonfährt - beides letztlich akustische Verkörperungen des allegorischen Hammers, der im Laufe einer Gerichtsverhandlung auf seiner hölzernen Unterlage aufschlägt. Der üppige Abschied knüpft ein verwobenes Netz von Stimmen und Klängen zu einer Symphonie des Lebens, die zugleich ein Requiem ist - Hohelied und Abgesang gehen fließend ineinander über: das Lachen eines geliebten Menschen, das Geräusch der Meeresbrandung, die Strophen des Lieblingsliedes.
Der karge und der üppige Abschied können sowohl einem Abschied im Leben als auch einem Abschied vom Leben Gestalt verleihen. Sie können ein Wendepunkt sein - der Neuanfang an einem anderen Ort, mit einem anderen Partner, vielleicht sogar unter einem anderen Namen -, aber auch einen Zielpunkt ins Visier nehmen: den nahen oder fernen, auf jeden Fall jedoch fest im Bewusstsein verankerten Tod. Wobei es wiederum einen Unterschied macht, ob es sich dabei um den Tod an und für sich handelt und die Vergänglichkeit von allem oder um den eigenen Tod, die eigene Vergänglichkeit. Nicht selten fällt das eine mit dem anderen zusammen: Die oft durch einen Schock (eine  Krankheit oder einen Unfall) vermittelte Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit korreliert der Erkenntnis von der Endlichkeit aller Dinge, zumindest der materiellen.

Bei Gustav Mahlers Lied von der Erde handelt es sich um einen üppigen Abschied letzter Art (der letzte Satz trägt den Abschied sogar im Titel). Bevor Mahler 1907 die Arbeit daran begann, hatte er seine innig geliebte ältere Tochter Maria Anna („Putzi“) durch Diphterie verloren. Gleichzeitig war bei ihm eine Herzschwäche festgestellt worden, die in letzter Konsequenz tödlich war.  Der Tod seiner Tochter trifft ihn auf eine schreckliche, aber nicht unvorbereitete Weise. Schon vor seiner Heirat mit Alma hatte Mahler den frühen Tod einiger Geschwister zu verkraften. Er tat es, indem er sich Gedichten von Friedrich Rückert zuwandte und sie in seinem Liederzyklus Kindertotenlieder zu verarbeiten begann, der thematisch ebenfalls um den Verlust von Kindern und Geschwistern kreist. Schon in diesen Liedern wird deutlich, dass Mahler sich nicht nur in einer persönlichen und affektiven, sondern auch in einer unpersönlichen und  reflexiven Weise mit Tod und Vergänglichkeit auseinandersetzt So heißt es in dem Lied Nun will die Sonn so hell aufgeh’n: „Nun will die Sonn so hell aufgeh’n, als sei kein Unglück die Nacht gescheh’n. Das Unglück geschah nur mir allein! Die Sonne, sie scheinet allgemein! (…) Ein Lämplein verlosch in meinem Zelt! Heil sei dem Freudenlicht der Welt!“ Im Lied Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen wird der unverrückbaren Tatsache sogar eine tröstliche Aussicht abgerungen: „O sei nicht bang, der Tag ist schön! Sie machen nur den Gang zu jenen Höh’n! Sie sind uns nur vorausgegangen (…).“ Viele Jahre später spricht Mahler (mit den modifizierten Worten von Hans Bethges Übertragung altchinesischer Lyrik) im Abschied vom „Schatten“, der „Kühlung“ spendet, vom „feinen Wind“, der „hinter dunklen Fichten weht“ und schließlich von der „liebe(n) Erde allüberall“.  Er artikuliert den Tod als Schmerz, er gibt sich der Wehmut des Abscheidnehmens hin, begreift jedoch das Sterben als Prozess, der zum Kreislauf des ewig blühenden und vergehenden Lebens dazugehört. Stirb und werde: Der Tod ist nur eine Station auf der langen und doch so kurzen Lebensreise, und die Tatsache, dass niemand gesichert Auskunft darüber erteilen kann, wie es danach weitergeht, lässt ein Leben nach dem Tod ebenso wahrscheinlich erscheinen wie das Gegenteil davon.
Gustav Mahler hat mit dem Sterben einen intimen Umgang, es beschränkt sich bei ihm nicht auf den physischen Verfall. „Ich bin gestorben der Welt“ und „ich leb’ allein in meinem Himmel, in meinem Lieben, in meinem Lied“ heißt es in seinem wiederum auf einem Gedicht Rückerts basierenden Lied Ich bin der Welt abhanden gekommen. Es treibt die - teils freiwillige, teils gesellschaftlich bedingte - Vereinzelung und Ausgrenzung des Künstlers von seiner bürgerlichen Umgebung auf die Spitze. Trotz aller Anerkennung und beruflicher Etabliertheit bleibt sich Mahler seines Außenseitertums bewusst, er weiß - noch dazu als Jude - um seine fragile und allzu vergängliche Verankerung in der bürgerlichen Gesellschaft.

Mahler betreibt eine an der Grenze zur Naturmystik angesiedelte Verherrlichung des Lebens, seines allgemeinen und ewigen Werdens und Vergehens, während er sich seines eigenen Todes sowie des unausweichlichen Verlustes geliebter Menschen schmerzlich bewusst bleibt, sie in  Kompositionen und Briefen immer wieder umkreist – vielleicht in der (irrigen) Hoffnung, Verlust und Schmerz verlören angesichts der Erkenntnis an Gewicht. Die Vergegenwärtigung des Endes bei gleichzeitiger Feier des Seins stellt ihn in eine lange Reihe sowohl abend-, als auch morgenländischer Denker. „Philosophieren heißt sterben lernen“, heißt es schon bei Cicero. Der Tod ist bei ihm ein Prüfstein des Lebens, er verleiht dem Kohärenz, was sonst nur bunt zusammengewürfeltes Stückwerk ist - ein Gedanke, dem Montaigne einen seiner wichtigsten Essais widmet. „Das Ziel unserer Laufbahn ist der Tod, er steht uns vor, ob wir wollen, oder nicht.“ Diese Unausweichlichkeit lassen es für Montaigne ebenso sinnlos erscheinen, sich dagegen aufzulehnen, wie es in weiterer Konsequenz verrückt wäre, sich das Leben davon verderben zu lassen oder es ganz aus den Augen zu verlieren: „Wir trüben das Leben durch die Sorge um den Tod und den Tod durch die Sorge um das Leben.“  Geboren werden (status nascendi) und sterben (status moriendi) sind diesem Denken nur zwei Seiten derselben Medaille, die einander in jeder Hinsicht - ob ontologisch oder semantisch - bedingen: „Das Erlöschen eines Lebens ist der Übergang zu tausend anderen Leben.“ Oder - wie es in Mahlers Abschied schlussendlich heißt: „Ewig, ewig…“.

 

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