• "Peter Truschner gehört zu jener aussterbenden Künstlerspezies, die stets aufs Ganze gehen muss." ***** FAZ

  • "Eines Tages war das Leben auf meinen Großvater herab gefallen wie ein Tropfen Harz auf eine Fliege." ***** aus: Schlangenkind

  • "Der Schauende und der Schauplatz, Inneres und Äußeres gehen eine räumliche Verschränkung ein. Was man betrachtet, bleibt nicht außen vor, sondern dringt in einen ein, vermischt sich dort mit Vorgefundenem." ***** Peter Truschner

  • "Ist das immer schon so gewesen, dass man eines Tages hinter seinem warmen Ofen hervorgeholt und an den Haaren ans Ufer gezerrt und in die kalten Betriebsfluten getaucht und getauft wurde im Namen des Geschäfts?" ***** aus: Im Namen des Geschäfts

  • "Peter Truschner ist nicht nur ein wacher und sensibler Beobachter, sondern ein Erlebender des Wahnsinns, der um uns herum geschieht." ***** Martin Kusej

  • "Let's get out of here! Yet, what is the purpose of dreaming of distance, of being far away, if I am already farther away and detached by my true self? No country, no shore can ever be as far away as I am." ***** aus: Bangkok Struggle

  • "So lange der flaumige, weiße Film, der auf der Welt lag, nicht gefror, konnte selbst ein Vogel seine Hieroglyphe im Buch eines verschneiten Wintertags hinterlassen." ***** aus: Die Träumer

  • "Peter Truschner schont in seinen Texten über eine Welt, in der es um den Preis und nicht um den Wert einer Ware, der Arbeit oder des Lebens geht, weder sich noch den Leser." ***** Stefan Gmünder

Copyright 2019 - Peter Truschner - All rights reserved // „Peter Truschner gehört zu jener aussterbenden Künstlerspezies, die stets aufs Ganze gehen muss.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung

Essays

 

Was ist mit dem Sex?


Es stellt einen Gemeinplatz dar, dass die Gesellschaft durch Medien und Werbung über Gebühr sexualisiert ist. Dieser Befund geistert gleichermaßen durch Zeitschriften, Talkshows und Internetforen. Im Gegensatz zu anderen Behauptungen, die mit dem Thema Sexualität verbunden sind, stellt er eine Prämisse dar, die offenkundig nicht mehr zu diskutiert werden braucht. Man tauscht sich über diverse Facetten dieser Sexualisierung aus (etwa den Zugang von Kindern zur Pornografie im Internet), aber nicht über die Sexualisierung selbst. In diesem Zusammenhang hört oder liest man oft den Spruch, dass Sex „heutzutage ja an jeder Ecke zu haben“ sei. Aber ist das wirklich so?
Ich habe vermehrt Beobachtungen machen können, die den Befund der allgegenwärtigen Verfügbarkeit von Sex natürlich nicht widerlegen, ihn aber in einem anderen Licht erscheinen lassen. Sie beschränken sich nicht auf mein unmittelbares Umfeld, sondern ergeben über die Generationen hinweg ein argumentatives Band, das von einem Sex kündet, der in einer Weise sublimiert und rationalisiert wird, dass Freud seine Freude hätte. (Wobei mir klar ist, dass sich nicht alles um Sex dreht und die meisten Menschen in dieser Hinsicht immer noch eine statistisch durchschnittliche Biografie haben; Jugendliebe, studentisches Austoben, Heirat…).
Durch meine Arbeit habe immer wieder mit jungen Leuten zu tun, werde zu ihren Partys eingeladen, höre mir ihre Geschichten an. Anders als auf den Partys meiner Jugend wird auf diesen Partys wenig bis gar nicht geschmust, dafür umso mehr gesoffen oder gekifft. Der Rausch hilft den jungen Leuten, sich von dem Druck zu befreien, unter dem sie stehen. 20jährige erzählen mir mit ernster Miene von ihrem „Lebensplan“: Wie lange sie studieren wollen; wo sie ihren Master machen wollen; wann sie Kinder kriegen wollen; wie ihr zukünftiger Partner beschaffen sein muss; und in welchem zeitlichen Rahmen das alles zu geschehen hat. Sie ordnen ihr Leben in dem Wissen, dass es mit allem kontinuierlich bergab geht. Es ist eine völlig andere Situation als zu meiner Zeit, als die Jobs nach dem Studium quasi auf der Strasse lagen. Die Imperative des kapitalistischen Wettbewerbs sind vielen jungen Menschen in Fleisch und Blut übergangen: Keine Schwäche zeigen! Keine Zeit verlieren! Sich nicht unter Wert verkaufen! Zuneigung oder Begehren zu zeigen, wird da als Bedürftigkeit ausgelegt, und bedürftig zu sein ist tabu, ein absolutes „No-Go“. Früher gab es beste Freundinnen, denen man alles anvertraut hat. Freundinnen dieser Art gibt es immer noch, aber ihnen alles anzuvertrauen, Niederlagen, Zweifel, Komplexe - kaum ein Mädchen wäre so verrückt, das zu tun. Bei den Mädchen ist die Angst groß, sich Männern zu öffnen und verletzt zu werden. Unglaublich, wie viele mit Anfang/Mitte 20 Jungfrauen sind und/oder noch nie einen Freund hatten. (Und das, wo es eigentlich Konsens ist, dass die Jugendlichen „es“ immer früher machen.) Mir scheint: Viele machen lieber keine Erfahrungen als potentiell zwiespältige oder gar unangenehme. Eine andere, weitaus größere Gruppe (von der natürlich niemand spricht), würde vielleicht gerne Erfahrungen machen, weiß aber nicht, wie: Die Gruppe junger Männer, die traditionell keine abbekommt, die im Vergleich zu früher jedoch signifikant größer geworden ist, da immer mehr Jungs vor ihrem PC oder ihrer Play Station verrotten und keine Ahnung davon haben, was Mädchen wollen und wie man auf sie zugeht. In Clubs stehen sie stumm mit dem Bier in der Hand herum, sehen die tanzenden Frauen links und rechts von sich nicht und starren - wie sie es vom PC her gewohnt sind - auf die scharfe Blondine, die für sie unerreichbar ist. (Was im richtigen Leben undenkbar ist, ermöglicht die Anonymität des Internets: Es gibt seit kurzem Foren für männliche Jungfrauen zwischen 20 und 40, die regen Zulauf haben.) Redet man mit ihnen Klartext, erklären sie, dass sie schon froh wären, eine einzige abzubekommen und irgendwann eine Familie zu gründen. Apropos Familie. Viele Akademikerinnen bekommen spät Kinder, heiraten - wenn überhaupt - ebenso spät. Soll heißen: zu einem Zeitpunkt, an dem es nicht mehr so viele attraktive und ungebundene Männer auf dem so genannten „Markt“ gibt (was eine ebenso unangenehme Phrase ist wie jene, dass man in jemanden Gefühle „investiert“ oder jemanden „abschießt“, wenn man seiner überdrüssig wird). Das Furchtbare an diesen Beziehungen ist, dass das Rationale, das Kalkül, niemals angesprochen werden oder nach außen dringen darf. Die Inszenierung des Paars, das im romantischen Sinn glückhaft zueinander gefunden hat, hat liturgischen Charakter. Diese Liturgie auch nur zu stören, kommt einem Tabubruch gleich. Es ist erstaunlich, wie sehr vor allem Frauen darauf bestehen, endlich „angekommen“ zu sein, auch wenn jedem in ihrer Umgebung klar ist, dass es sich bei ihrem „Richtigen“ nicht selten um ein Exemplar handelt, das sie vor dem nervigen Ticken ihrer biologischen Uhr wahrscheinlich „mit dem Arsch nicht angeschaut“ hätten. Dass Frauen zum Zweck der Familiengründung bei der Auswahl ihres Partners andere Prioritäten setzen als während des Studiums, erscheint logisch und sinnvoll. Zuverlässig soll er sein, nett, fürsorglich, und wenn der monatliche Gehaltsscheck stimmt, ist das dem Glück auch nicht abträglich. Dumm nur, dass das sexuelle Begehren da oft nicht mitzieht und die Frauen ihren Partner nach dem ersten Kind ebenso wenig scharf finden wie davor. Manchmal kann aus solch einer Kalkülbeziehung tatsächlich Liebe werden - aber man sollte besser nicht darauf wetten. Die Hoffnung, dass es so kommt, dass alles für sie gut wird, glimmt in so gut wie allen Frauen, die eine solche Beziehung eingehen. Frauen, denen es einfach darum geht, mit einem akzeptablen Typen zu „ihrem“ Kind zu kommen, sind da wahrscheinlich im Vorteil. Wenn eine solche Beziehung früh scheitert, ist der Frust groß. Männer kümmern sich wenig um ihre Kinder, die allein erziehende Mutter schuftet sich ab, muss manchmal dem Unterhalt hinterherlaufen; oder Männer werden im Kontakt zu ihren Kindern in einer Weise eingeschränkt, dass es wie eine Rache der Frau wirkt, die sich ums Gelingen ihres „Lebensplans“ betrogen fühlt. Ich habe mich oft gefragt: Wissen die betroffenen Männer um diese Konstellation? Haben sie weniger Probleme damit, weil manche Männer ohnehin einen klaren Unterschied machen zwischen dem Typ von Frau, den sie heiraten, und dem Typ von Frau, den sie geil finden (etwas, das mir immer fremd war)? Eine Zeit lang geht man noch miteinander ins Bett wie man sich die Zähne putzt, bis auch das aufhört. Die Frau vergräbt sich in das Leben des Kindes, die Beziehung zu ihm ist voller emotionaler und haptischer Sensationen (auch wenn es natürlich anstrengend ist, unbezahlt und einem den Schlaf raubt). Der Mann nimmt das als gottgegeben hin und delegiert seine Sexualität zumeist an Angebote wie „Youporn“ (seltener an eine Vögelei am Rande von Betriebsfeiern). Eine Situation, die Jahre anhalten kann. Macht die Frau emotional und sexuell einen Schritt auf den Mann zu, hat sich dieser durch den Konsum der Pornografie Wünsche und Vorstellungen angeeignet, die sie zumeist verstören - das Internet ist voll von Klagen dieser Art. Paare, die sich mit solchen Problemen konfrontiert sehen, sich aber dennoch mögen und zusammenbleiben wollen, retten sich oft in den Konsum, der die Ersatzbefriedigung (für Liebe, Sex, Anerkennung…) schlechthin ist - so sehr, bis er unbemerkt zum Eigentlichen wird. Mir scheint: Wer es einmal erfolgreich über die 40 geschafft hat, für den gibt es keine Sehnsucht mehr, die langfristig nicht von BMW, Prada, Whirlpool, Saeco, Louis Vuitton, Apple und Ligne Roset gestillt werden kann. Die Familie ist von Anfang an auch ein Projekt irgendwo zwischen Bank und Baumarkt. Geld und Beton sind ein stabilerer Klebstoff als Gefühle. Wenn sich die Lust aus dem Haus geschlichen hat wie ein Gast, für den sich niemand zuständig fühlt, beginnen sich Mama und Papa zu verwandeln. Ihre Geschlechtsteile verkümmern. Statt sich zu umarmen, umarmen sie Geschirrspülmaschinen und Nappaledersofas. Statt sich ihre Zungen in den Mund zu stecken, stecken sie sie in Autos und Notebooks. Die Familie wird zur Schnittstelle, an der Mensch und Ware miteinander verschmelzen. Die Waren haben keine Gegenwart, für sie gibt es nur den Komparativ: Mehr! Besser! Größer! Sauberer! Sicherer! Gesünder! Schöner! Alle Träume von Leidenschaft und Liebe werden aufs Angenehmste darunter begraben. Entweder man durchtaucht diese Phase, schließt Freundschaft miteinander, entdeckt sich vielleicht sogar noch einmal neu - oder lässt sich scheiden, vor allem, wenn die Kinder „aus dem Gröbsten raus“ sind. Bei wem am Ende das Positive überwiegt und die Lust auf das Spiel zwischen Mann und Frau ungebrochen ist, der hat nach der Scheidung erfahrungsgemäß keine größeren Probleme, nette Bekanntschaften zu machen, eine neue Beziehung zu beginnen - erst recht, wenn er sich auch sonst gut gehalten hat. Bei anderen überwiegt nach der Scheidung jedoch die Wut auf den Partner, die schleichend zu einer Verbitterung über das andere Geschlecht geworden ist. Sie - Mitte 40, Anfang 50 - reden davon, dass „mir nie mehr ein Mann ins Haus kommt“ oder dass „mir die Weiber gestohlen bleiben können“. Die wenigstens von ihnen sind durchweg verhärmt oder vergraben sich in ihrer Freizeit zu Hause. Auch hier ist die Außendarstellung wichtig: „attraktiv“, „lebenslustig“, „offen“, so wollen sie gesehen werden, und so stellen sie sich auch in Singlebörsen dar. Vielleicht merken sie selbst gar nicht, dass ihnen die Fähigkeit zum Kompromiss, zum Ausbruch aus ihrer geheiligten Routine abhanden gekommen ist - und sei es nur die Bereitschaft, den Sonntag einmal nicht vorm „Tatort“ zu verbringen. Eine Frau Ende 40 sagte mir vor kurzem: „Eigentlich will ich keinen Mann mehr. Mir fehlt nichts.“ Sie hat seit 6 Jahren keinen Sex mehr gehabt, es gäbe genug Frauen in ihrem Bekanntenkreis, bei denen es ähnlich wäre. Ein fescher Bekannter gleichen Alters, der beim Heurigen schnell weiblichen Anschluss findet, schwört auf Sex mit Prostituierten, das sei eine „klare Sache ohne Komplikationen“. Sich noch einmal „Verbiegen“ für eine Frau? „Nie! Nicht einen Millimeter!“ Vorher verzichtet er lieber ganz auf weibliche Gesellschaft und bleibt allein. Ungeküsst. Unberührbar.

 

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