• "Peter Truschner gehört zu jener aussterbenden Künstlerspezies, die stets aufs Ganze gehen muss." ***** FAZ

  • "Eines Tages war das Leben auf meinen Großvater herab gefallen wie ein Tropfen Harz auf eine Fliege." ***** aus: Schlangenkind

  • "Der Schauende und der Schauplatz, Inneres und Äußeres gehen eine räumliche Verschränkung ein. Was man betrachtet, bleibt nicht außen vor, sondern dringt in einen ein, vermischt sich dort mit Vorgefundenem." ***** Peter Truschner

  • "Ist das immer schon so gewesen, dass man eines Tages hinter seinem warmen Ofen hervorgeholt und an den Haaren ans Ufer gezerrt und in die kalten Betriebsfluten getaucht und getauft wurde im Namen des Geschäfts?" ***** aus: Im Namen des Geschäfts

  • "Peter Truschner ist nicht nur ein wacher und sensibler Beobachter, sondern ein Erlebender des Wahnsinns, der um uns herum geschieht." ***** Martin Kusej

  • "Let's get out of here! Yet, what is the purpose of dreaming of distance, of being far away, if I am already farther away and detached by my true self? No country, no shore can ever be as far away as I am." ***** aus: Bangkok Struggle

  • "So lange der flaumige, weiße Film, der auf der Welt lag, nicht gefror, konnte selbst ein Vogel seine Hieroglyphe im Buch eines verschneiten Wintertags hinterlassen." ***** aus: Die Träumer

  • "Peter Truschner schont in seinen Texten über eine Welt, in der es um den Preis und nicht um den Wert einer Ware, der Arbeit oder des Lebens geht, weder sich noch den Leser." ***** Stefan Gmünder

Copyright 2019 - Peter Truschner - All rights reserved // „Peter Truschner gehört zu jener aussterbenden Künstlerspezies, die stets aufs Ganze gehen muss.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung

Wörterbuch des Körpers

 

Vier

Die Straße, die Robert entlangging, verband Kontinuität und Wandel. Monatlich wechselten Geschäftsräume ihre Besitzer, das Angebot an Waren und Dienstleistungen blieb jedoch immer dasselbe: Bäckereien, in denen man die Brötchen mit einer Zange hinter Plexiglasklappen hervorziehen musste; Zeitschriften- und Tabakläden, deren Besitzer meist einen Hund an ihrer Seite hatten; Zweigstellen von Versandhäusern, die mit Angeboten lockten, die es angeblich nur in dieser Filiale gab; Imbissläden, in denen sich Robert wie in der Uni - Mensa fühlte, weil so gut wie jeder freie Tisch mit den Soßespritzern und Krümeln des letzten Gastes geschmückt war; Mobilfunkgeschäfte, Apotheken und kahle Räume, in denen Ausverkaufsware verschleudert wurde.
Der Bausenator jener Jahre, der Iris zufolge ein begeisterter Hobbykoch gewesen sein soll, rieb, nachdem er eine Masse Teig geknetet hatte, die Hände aneinander, sodass eine Anzahl kleinerer und größerer Klumpen auf einen Bebauungsplan fiel, der auf dem Tisch lag: So ähnlich musste man sich die Beschlussfassung zum Bau nicht weniger Gebäudekomplexe vor allem am Stadtrand zwischen 1970 und 1980 vorstellen - so quälend zufällig und austauschbar erschienen Standort und Form sowie die Anzahl der Stockwerke eines Gebäudes. Die Resteverwertung, zu der das Leben zwischen Pfennigmarkt und Frittenbude wie nebenbei werden konnte, war hier architektonische Vision geworden.
Die Bedienungsanleitung dafür, wie es den künftigen Anwohnern gelingen sollte, diese Schließfächer für Menschen in familiäre Rückzugsgebiete zu verwandeln, die Kraft gaben für den Alltag, war das städtische Bauamt leider schuldig geblieben. Wen durfte es da wundern, dass ein Mensch in seinem Schließfach zu toben begann?
Robert blieb vor der marokkanischen Metzgerei stehen. Die Welt machte mit der weichen, wackeligen Hypothese eines Schafs kurzen Prozess. Der Geruch der geschlachteten Lämmer drang aus dem Geschäft auf die Straße hinaus. Manche Passanten verlangsamten ein wenig den Schritt, während andere, die wussten, was auf sie zukam, bis an den Rand des Gehwegs auswichen. Die Tür der Metzgerei bestand aus drei Teilen, die sich zur Seite hin zusammenschieben ließen wie Fächer. Sie waren hellblau und mit goldenen arabischen Ornamenten versehen, die aus in sich verschlungenen Schriftzeichen hervorgegangen waren. Ein kleiner, graumelierter Mann trat in den Türrahmen. Er spielte mit den Perlen seiner Gebetsschnur, sah Robert an und zog die Augenbrauen hoch. Robert lächelte und tippte sich auf die Nase. Der Mann lächelte zurück und bedeutete ihm, dass er verstünde: „Blut“, sagte er. „Wer nicht mag, mag nicht Wahrheit.“      
Hinter einem Gelände für Gebrauchtwagen, das so groß war wie ein halbes Fußballfeld, stand eine protestantische Kirche aus dem 19. Jahrhundert, deren Existenz Robert sich nicht erklären konnte, da sie weit und breit das einzige Bauwerk aus jener Zeit war. Ein Dorf, das sich die Stadt im Zuge ihrer Ausdehnung als Vorort einverleibt und dessen Mittelpunkt die Kirche gebildet hatte, gab es offensichtlich nicht. Für ein Kloster waren die Kirche und das ebenerdige Gemeindehaus zu klein, und der Gedanke an eine auf wenige Brüder beschränkte Eremitage an einer Straße, die von der Hauptstadt ins Umland führte, war absurd. Wer hatte die Kirche, die nach katholischen Begriffen kaum mehr als eine düstere Kapelle war, einst mitten ins offene Ackerland hineingesetzt und warum?
Am Eingang fand sich diesbezüglich ebenso wenig Erhellendes wie an den Außenmauern des Kirchenschiffs. Wo sich an gotischen Domen nicht nur die geistlichen, sondern auch die weltlichen Maßverhältnisse des spätmittelalterlichen Bürgerwesen ablesen ließen, erteilte der trübe Kalk der Kirche keine andere Auskunft als jene, dass man ihn aus dem Fels gehauen und vom Steinbruch hierher transportiert hatte. Die Kirche wirkte wie ein Tribut an die Leere, die der schwindende Glaube in jener Zeit zurückgelassen hatte.
Die Eingangstür war verschlossen. Einem Schaukasten war zu entnehmen, dass sie nicht mehr von der Orthodoxie, sondern von einer Freikirche genutzt wurde. Ein Foto deutete an, dass nun Schlagzeug, Saxophon und E-Gitarre anstelle von Orgel und Kirchenchor zum Einsatz kamen. Der Platz vor der Kirche war lichtüberflutet. Eine grüne Umrisslinie in Form einer quadratisch angelegten Hecke gab dem nackten Asphalt ein Gesicht. Die Hecke war in gleichmäßigen Abständen unterbrochen, sodass Fußgänger von allen Seiten auf den Platz strömen, ihn überqueren oder sich auf einer der Bänke niederlassen konnten, wie sie vor jedem Heckenabschnitt standen. Letztere Möglichkeit bestand jedoch nur theoretisch, da die Bänke Tag für Tag von denselben Menschen in Beschlag genommen wurden.
Eine Bank war mehr als eine Sitzgelegenheit, sie war Sitz einer Fraktion, deren wichtigste Vertreter darauf sitzen durften, während die anderen sich darum gruppierten. Ein Spiegel der Demokratie, in der sie lebten, gab es entlang der Hecke mehrere Fraktionen, die dasselbe Ziel verfolgten: den Tag anständig hinter sich zu bringen. Die Wahl der Mittel, die dazu aufgewendet wurden, konnte auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein.
Die Fraktion der Säufer stellte sich zum Frühstück einen Kasten Bier hin. Die erste Flasche ließ die fahlen, teils vernarbten Gesichter der Männer, unter die sich nur selten eine Frau verirrte, rosa anlaufen. Das Blut brauchte den Alkohol, um zirkulieren zu können - und um die Einsamkeit zu vertreiben, die sich einstellte, wenn man nüchtern war. Am Morgen wirkte die Runde noch wie eine Horde Tiere, die sich vor der realen oder empfundenen Kälte in die Höhle ihrer Körper verkrochen hatten – allein, sie wärmte sie nicht. Es brauchte dazu eine gewisse Menge Treibstoff, wobei sich der Literverbrauch der Männer - ähnlich wie bei Kleinwagen – nur unwesentlich voneinander unterschied.
Im Laufe des Tages begannen die Männer, einander anzubrüllen. Weniger aus Aggressivität als aus Unvermögen, einschätzen zu können, wie sie sich anhörten. Hätte man ihr Geplärr mit dem Tonband aufgenommen, sie hätten sich wohl nicht wiedererkannt. Die einen trocknete der Alkohol von innen her aus. Er absorbierte alle Körperflüssigkeit. Bekleidet mit eng anliegenden Jeans und Gilets aus schwarzem Kunstleder hielten sie sich an einer selbstgedrehten Zigarette fest, die ebenso dürr war wie sie. Die anderen überschwemmte er. Ihre Körper gingen in diesem gärenden Zustand auseinander wie die Leiber von Mastschweinen.
Inmitten des voranschreitenden Saufens, Brüllens, Rülpsens und Furzens jagte ein Rottweiler, der eher zu den Überschwemmten gehörte als zu den Ausgetrockneten, der Liebe seines Lebens hinterher: einem Pflasterstein. Der Hund rannte den ganzen Tag, die ganze Woche, das ganze Jahr über dem Stein hinterher, den die Männer immer wieder in die Weite des Platzes kickten. War er zu groß oder zu schwer, apportierte der Rottweiler den Stein nicht, sondern schob ihn mit der Schnauze wieder zur Bank zurück. Der Rückweg ging dabei aufgrund der Ungebärdigkeit des kräftigen Tiers nicht wie am Schnürchen, sondern in Zickzack - Linien vor sich, sodass es eine Zeit dauerte, bis der Hund zur Bank zurückkam. Dann kläffte er so lange, bis einer der Männer nach dem Stein trat – wobei es manchmal passierte, dass einer, der sich am späten Nachmittag selbst kaum noch kannte, den Stein mit einem Tennisball oder einer leeren Bierdose verwechselte. War der Hund vom vielen Hin- und Herrennen erschöpft, legte er sich hin und schleckte selig an dem Stein.
Manchmal tat es ihm einer der Männer gleich und rannte mit ihm hinter dem Stein her. Vielleicht spürte er einen Augenblick lang etwas von der unglaublichen Freiheit des Tiers, die in der natürlichen  Begrenztheit seiner Möglichkeiten lag, und er hätte gerne auf die fünf Prozent seines Erbguts verzichtet, die den Unterschied ausmachten. Es dauerte jedoch nicht lange, da erschien ihm das Gerenne wieder als das, was jeder Mensch, ob nüchtern oder betrunken, darin sah - eine Idiotie.
Die Fraktion der Muslime verteilte sich auf zwei Bänke: Auf der einen saßen Türken, auf der anderen Schwarzafrikaner, die sich in einem Französisch unterhielten, das wie ein silberhelles Gewässer war, auf dessen zarten Wogen ein schwerer Baumstamm trieb.
Immer wieder gab es Augenblicke, in denen das Gespräch der Afrikaner überschäumte. Ein Mann, der einem anderen gerade mehrmals mit der flachen Hand auf die Brust geschlagen und dabei immer lauter dasselbe Worte ausgerufen hatte, als ob er einfach nicht glauben konnte, was er hörte, hielt inne und drehte sich langsam um die eigene Achse. Er ließ sich dafür lange Zeit, ging dabei ein wenig in die Knie und klatschte mehrmals in die Hände. Er hatte den Mund weit offen, und die Mundhöhle gab den Grammophontrichter für einen Laut, der immer höher und spitzer wurde - bis schließlich der Baumstamm einen Wasserfall hinunterstürzte und sein Zersplittern in tosendem Gelächter unterging. Dann begann das ganze Schauspiel mit anderen Darstellern wieder von vorn, bis der Mann, in dessen Erzählung der Grund für diese Heiterkeit zu suchen war, es satt hatte, die Arme vor dem Brustkorb verschränkte und schwieg.
Ein anderes Mal redeten alle laut durcheinander, und wenn einer einmal die Führung des Gesprächs an sich reißen und ausholen wollte, fielen ihm sofort mehrere ins Wort. Dabei fuchtelten sie einander mit den Händen vor den Gesichtern herum, als gälte es, eine Schar Wespen zu vertreiben, die sich unter sie gemischt hatte. Für ein mitteleuropäisches Auge ergab dieses hitzige Treiben kein Gespräch, ein sinnvolles schon gar nicht. Im Gegenteil: Man befürchtete, dass die Männer jeden Augenblick übereinander herfielen. Wenn man jedoch sah, wie zufrieden sie nach knapp einer Stunde Wortgerangel waren - als wäre ein erhebliches Problem aus dem Weg geräumt worden, wo man doch selbst gedacht hatte, dass die ganze Zeit über ein solches entstand -, wusste man, dass man wieder einmal durch die falsche Brille geschaut hatte.
Manchmal gesellten sich zu den Schwarzafrikanern Marokkaner oder Tunesier, die mit ihnen die Sprache derselben Kolonialmacht teilten. Während die Unterhaltung der Afrikaner ein wechselseitiges Hochschaukeln von Worten, Blicken, Lauten und Grimassen war, dachte man bei den Türken eher an eine Gruppe Lebenslänglicher, die auf dem Gefängnishof beisammen standen und gelassen das Für und Wider einer Flucht besprachen - sie hatten alle Zeit der Welt.
Die Gespräche der türkischen Muslime waren wie Geschenkpapier: Das, worauf es ankam, befand sich dahinter. Jedes Heben oder Senken des Kopfes, jedes Auf- oder Niederschlagen der Lider waren präzis aufeinander abgestimmte Bestandteile einer sozialen Feinmotorik, die einem Uhrwerk glich. Die Treffen dienten keinem anderen Zweck, als dieses Uhrwerk täglich gemeinsam aufzuziehen.
Die Türken trugen keine Jeans, sondern Hosen aus einem weichen, zumeist grauen oder blauen Baumwollstoff. Die Hemden waren weiß, manchmal aber auch blau oder grün, keinesfalls jedoch - wie bei den Afrikanern - bunt gemustert. Die Schnurrbärte und Koteletten waren gepflegt, Haarwasser ließ die spärlichen oder aber dichten Haare glänzen. Die ledernen Schuhe waren poliert (die Afrikaner trugen zumeist Turnschuhe), und die Kleidung wirkte, als würde sie jeden Tag gebügelt und gestärkt.
Die Eitelkeit der Männer konterkarierte ein wenig den ersten Eindruck der Ausgeglichenheit und Zurückhaltung. Man spürte das Vorhandensein einer selbstgefälligen Männlichkeit. Man hätte jedoch nicht sagen können, ob nun das ausgeglichene oder selbstgefällige Element zum Tragen kam, wenn die Männer abends nach Hause kamen.
In der Gruppe der Schwarzafrikaner gab es Männer jeden Alters, auch solche, die sich immer wieder einmal abwandten und mit einem Fußball herumdribbelten, während bei den Türken keiner jünger war als vierzig. Frauen kamen in beiden Gruppen nicht vor, Kinder nur insofern, als dass sie manchmal eine Nachricht überbrachten, und ein Mann sie dann wieder nach Hause schickte oder mit ihnen ging.
Muslime und Trinker saßen überraschend eng beieinander. Anders als im Parlament, wo die Fraktionen miteinander auskommen mussten, taten sie es hier von allein - und das, obwohl ihnen nicht einmal eine Sitzordnung aufgezwungen wurde. Vielleicht entfiel damit auch der Fraktionszwang, der es als politisches Naturgesetz ansah, dass man die anderen ausgrenzte, solange die Mehrheitsverhältnisse es zuließen.
Robert hatte ursprünglich vorgehabt, jeden Tag an einer anderen Haltestelle auszusteigen, die hinter jener Demarkationslinie lag, an der auf einer mittelalterlichen Weltkarte die zivilisierte Welt ihr Ende gefunden und die Welt der Ungeheuer begonnen hätte, und kehrte dann doch immer wieder hierher zurück. Mal kam er am Vormittag, mal gegen Mittag, mal am Nachmittag, sodass er allmählich einen Überblick über den Tagesablauf der einzelnen Gruppen gewann. Er setzte sich immer auf dieselbe Bank. Sie war immer frei und lag nicht weit vom Ort des Geschehens entfernt, sodass ihm keine Details entgingen.
Obwohl er sich wohlweislich eine Zeitung sowie etwas zu essen und zu trinken mitnahm, wurde man auf ihn aufmerksam. Die Muslime kümmerten sich nicht weiter um ihn. Aber einer der Trinker nickte eines Nachmittags mit dem Kopf in seine Richtung, sodass sich die anderen nach ihm umdrehten. Die Männer, die er zu dieser Stunde keines klaren Gedankens mehr für fähig gehalten hatte, musterten ihn misstrauisch. Da nützten ihm auch ein ausgewaschenes T-Shirt und seine alten Tennisschuhe nichts: Wie Robert die Menschen in der U-Bahn am Geruch einschätzen zu können glaubte, so glaubten die Männer, seinem Gesicht ansehen zu können, dass der Mann, zu dem es gehörte, sich nicht zufällig unter sie gemischt hatte.
Einer der Trinker stemmte seinen massigen Leib mit einem Ruck von der Bank hoch, der ihn zuerst empor riss, dann jedoch, als der Mann das Gewicht fühlte, das er in Bewegung gesetzt hatte, ein wenig in die Knie gehen ließ. Er wankte und versuchte vergebens, sich an der Luft festzuhalten. Die rechte Hand griff immer wieder ins Leere. Um nicht zu Boden zu gehen, setzte ein Instinkt in ihm eine Laufmechanik in Gang, die ihn die Arme von sich strecken und ein wenig so aussehen ließ wie einen riesigen Vogel, der mit ausgebreiteten Flügeln über das Wasser lief.
Robert erschrak, er lief genau in seine Richtung.
Einen Augenblick lang wusste Robert nicht, was er tun sollte: Wenn er schnell seine Siebensachen zusammengepackt und sich aus dem Staub gemacht hätte, hätten nicht nur die Trinker, sondern auch die Muslime Verdacht geschöpft. Vordergründig kümmerten sie sich nur um sich selbst, in Wahrheit nahmen sie jede noch so kleine Veränderung ihres Umfelds geradezu seismographisch wahr. Vielleicht war Robert ein ganz Schlauer oder aber auch ein ganz Dummer, einer von der Drogenfahndung oder von der Einwanderungsbehörde - wusste man’s?
Robert blieb sitzen - auch auf die Gefahr hin, dass es unangenehm für ihn wurde. Er hatte sich, was die Aufmerksamkeit der Trinker betraf, zwar geirrt, war sich jedoch sicher, dass der Mann um diese Zeit weder die nötige Kraft noch die nötige Konsequenz besaß, um einerseits die Balance zu halten, andererseits die Distanz von dreißig Metern zurückzulegen, die zwischen ihnen lag. Und tatsächlich: Nach gut zwanzig Metern fiel er der Länge nach hin und blieb am Boden liegen. Sein Sturz sorgte für einen allgemeinen  Heiterkeitsausbruch.
Seine Zechkumpanen stießen erst mal auf ihn an. Zeit verging. Als der Mann sich nach lauten Zurufen nicht rührte, machten sich zwei ohne jede Eile auf den Weg, um nach ihm zu sehen. Das war für Robert das Zeichen, sich zu verabschieden.
Als er ein paar Tage später wiederkam, setzte er sich ans andere Ende des Platzes, wo sich auf der gegenüberliegenden Seite ein halbes Dutzend Jugendlicher um eine der verwitterten Holzbänke gruppierte, die mit Betonsockeln im Asphalt verankert waren. Sie waren 15 bis 18 Jahre alt, 1,70 bis 1,85 groß, schlank, hatten aschblondes bis dunkles, teilweise ausrasiertes Haar und dunkle Augen. Sie waren mit Markentrainingsanzügen sowie -schuhen bekleidet.
Der Anführer saß auf der Lehne der Bank und überragte die anderen, die um ihn herumstanden. In der Genüsslichkeit äsender Vierbeiner sah er seiner Spucke dabei zu, wie sie aus der Öffnung zwischen Zunge und Oberlippe hinabbaumelte und sich auseinanderzog - bis der schleimige Faden irgendwann riss und die Lücke zwischen Sitzfläche und Lehne hindurch auf den Boden fiel.
Die Gruppe bestand ausschließlich aus Jungs. Wenn einmal ein Mädchen dabeistand oder gar zwei - 14 bis 16 Jahre alt, 1,60 bis 1,75 groß, schlank mit Babyspeckresten, bleichblond und solariumbraun, bekleidet mit Jeans, die den String-Tanga ebenso zu Geltung brachten wie das bauchfreie Top das Nabel-Piercing -, kam Leben in den seltsam stillen, die meiste Zeit in das gemeinschaftliche Rauchen, Spucken und Pissen vertieften Haufen. Die Jungs markierten jenen Teil des Platzes, den sie als ihr Revier beanspruchten, wie Hunde. Kein CD - Player, kein Radio, kein Fußball oder Basketball störte den Ablauf ihres feuchten Tagesgeschäfts. Ob die Sonne schien, die alles wieder in Dampf auflöste und eintrocknete, oder ob es regnete und alles fortgespült wurde, machte für sie keinen Unterschied.
Die Anwesenheit der Mädchen brachte Abwechslung in diese Routine, die augenscheinlich keiner von ihnen als stumpfsinnig empfand. Sie zerrten einander dann an den Trainingsjacken, schlugen einander auf den Oberarm oder in den Bauch, traten einander manchmal sogar in den Arsch, ohne dass damit eine feindselige Atmosphäre geschaffen wurde. Die Jungs taten im Rahmen der Begriffe „Coolness“ und „Härte“, denen sie sich verpflichtet fühlten, das, was sie in jenem Moment gerne mit den Mädchen getan hätten: Sie berührten einander auf dem Bauch, auf dem Hintern, auf der Brust und im Gesicht.
Ein ratterndes Surren wie von Generatoren drang plötzlich aus diesen Körpern. Es böllerte und schepperte in ihnen. Das Fiepsen von Mäusen, das Robert aus der Entfernung zu hören geglaubt hatte, musste eine Einbildung gewesen sein.
Sie veranstalteten einen Lärm, der Passanten zusammenzucken ließ. Während die Türken die Köpfe schüttelten, riss der eine oder andere Afrikaner die Arme in die Höhe und wiegte sich kurz in den Hüften, als handelte es sich bei dem Tumult um eine Aufforderung zum Tanz, worüber die Türken wieder die Köpfe schüttelten.
Irgendwann wurde einer der Jugendlichen mit der Spannung, die sich in ihm aufgebaut hatte, nicht mehr fertig. Es genügte ihm nicht, seine Stärke lediglich zu Gehör zu bringen, er wollte zeigen, was er drauf hatte. Er dachte nach. Da diese Tätigkeit für ihn ungewohnt war und ihm nichts einfiel, tat er, was alle Ideenlosen tun, die auf öffentlichen Plätzen herumlungern und sich abreagieren wollen: Er trat gegen den Mülleimer - in der Hoffnung, er würde sich aus seiner Verankerung lösen und vor ihm zu Boden gehen wie die Einbrecher, die er am Vorabend auf seinem Monitor von hinten erschossen hatte.
Der Junge trat wie verrückt auf den eisernen Eimer ein. Die verschweißte Kontaktstelle zwischen Eimer und Stange gab jedoch nicht nach. Der Junge wurde binnen kürzester Zeit von einem möglichen Helden zu einem realen Verlierer. Er keuchte, schwitzte, und die Züge seines Gesichts spiegelten die Vergeblichkeit, ja Lächerlichkeit seines Versuchs wider. Wo anfangs die Mädchen ihm noch zusahen und kicherten, da zeigten sie ihm nun die kalte Schulter. Er würde garantiert von keiner dazu erwählt werden, mit ihr hinter die Kirche zu gehen, wo es zumeist zu hastigen Knutschereien und einseitigen, drängenden Fummeleien kam, eher selten zu Oral- oder Geschlechtsverkehr - auch wenn die Regeln es vorsahen, dass die Jungs hinterher vor den anderen so tun durften, als ob.
Das Wissen darum, dass er bei den Mädchen diesmal keine Chance hatte, machte den Jungen für die anderen zu einem Problem. Es kam vor, dass sich einer schadlos hielt, indem er den anderen ebenfalls die Tour vermasselte und eine Keilerei vom Zaum brach, die die Mädchen abschreckte.   
Damit es nicht soweit kam, nahm der Anführer die Zügel wieder fest in die Hand. Die freie Improvisation war vorüber; man spielte wieder Puppentheater. Augenblicklich wurde es ruhig. Der Junge wurde zur willenlosen Hülle, die sich der starken Hand des Puppenspielers bedingungslos anpasste. Was blieb ihm auch anderes übrig? Der Anführer war älter, stärker und im Kämpfen erfahrener als er. Aggression besaß er im Übermaß - allein, die Erfahrung fehlte und ein Körper, der endlich der Körper eines Mannes war, und nicht mehr der eines Mischwesens, das von einem Erwachsenen genauso viel hatte wie von einem Kind.

 

zurück